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Dickens, Deventer und die Weihnacht

| Jutta Ingala

Sie ist nicht nur eine der ältesten Städte der Niederlande, für mich ist sie auch eine der schönsten: Deventer. Die alte Hansestadt an der IJssel, die es im 14. und 15. Jahrhundert zu großem Wohlstand brachte, ist ganz sicher mehr als nur EINE Reise wert. Während im historischen Bergkwartier prächtige Gebäude die schmalen Gassen säumen und die Herzen aller Nostalgiker – inklusive meinem – höher schlagen lassen, pulsiert rundherum eine

lebendige Kunst-, Kultur- und Gastronomieszene. Ich liebe die überdachten Terrassen an den hübschen Plätzen – beispielsweise am Brink – wo man auch bei kühleren Temperaturen unter kuscheligen Decken draußen sitzen und leckere warme Chocomel oder heißen Punsch trinken kann. Zwischen IJssel und Buitengracht schmiegen sich charmante Boutiquen, kleine Museen und Cafés so herrlich eng aneinander.

Dickens Festijn

Das originellste Erlebnis in Deventer haben Besucher mit Sicherheit aber im Dezember. Dann nämlich, wenn sich das Bergkwartier für zwei Tage ins Viktorianische Zeitalter zurückkatapultiert und zur großen Bühne wird: für den Waisenjungen Oliver Twist, für David Copperfield oder Ebenezer Scrooge, den ewig übellaunigen Geizkragen aus „Eine Weihnachtsgeschichte“. Figuren aus den wunderbaren Romanen von Charles Dickens, die beim alljährlichen „Dickens Festijn“ aus den Seiten der Bücher schlüpfen.

Theater in den Gassen

Ich bin früh in der Stadt und doch sind die Gassen schon voller Leben. Also lasse ich mich mit einer Tüte warmer Poffertjes in der Hand vom Strom der Besucher treiben. Feine Damen in prächtigen Kleidern lächeln wohlgefällig, elegante Herren ziehen zum Gruß den Hut: „Merry Christmas!“. Mädchen mit geschnürten Miedern bieten Rosinenbrot feil und flirten lachend mit jungen Handwerksburschen. An dampfenden Bottichen reiben sich Wäscherinnen die Hände wund, während über ihnen Hemden und Hauben an endlos langen Leinen im Wind flattern. Und in schwindelerregender Höhe balancieren Kaminkehrer auf den Dächern der Stadt, lassen ihre Besen durch die Schlotte sauen und Wolken aus Ruß auf die Straße rieseln. So also hat es ausgesehen, das Leben im England vor 150 Jahren.

Dickens kam nie nach Deventer …

… doch seine Figuren hauchen der Stadt im Advent den Geist der Weihnacht ein. Über 750 Deventer Bürger schlüpfen dann in die Rollen von wohlhabenden Kaufleuten, Blumenmädchen oder skrupellosen Halunken, Totengräbern oder Waisenkindern. Gewandet in Samt und Seide, Wolle oder Lumpen. Durch die Straßen hallen Kinderlachen und Gezeter, das Klatschen einer Ohrfeige und immer wieder „Merry Christmas!“. Alles nur ein Spiel. Aber ein ausnehmend gutes. Und aus einem gewöhnlichen verkaufsoffenen Wochenende wird ein grandioses Fest. So authentisch, so überzeugend, dass ich beinahe Raum und Zeit vergesse. Schnell noch ein paar Poffertjes kaufen, bevor der schöne Tag zu Ende geht!

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